Offener Brief der Landeselternkonferenz an Frau Gebauer, Ministerin für Schule und Bildung NRW, vom 2.4.2020 – Schuleröffnung und Prüfungsablauf

Dachverband der Stadt- und Kreisschulpflegschaften
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Liebe Frau Ministerin Gebauer,
sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren,

bevor wir Ihnen unsere überarbeitete Stellungnahme zum Gesetzentwurf zur Bewältigung der COVID 19 Pandemie zukommen lassen, haben wir noch Rückfragen zum geplanten Ablauf der Abschlussprüfungen und möchten Ihnen einige Aspekte benennen, die gerade ein Großteil der Eltern sehr bewegen.

Viele sehen den Terminplan äußerst kritisch: Beim Abitur liegen zwischen Prüfung und Nachschreibetermin fachbezogen nur gut 2 Wochen. In dieser Zeit müssen die Klausuren bewertet werden. Sollten Schüler*innen oder ihre Familien vor dem Prüfungstermin an Corona erkrankt sein oder einen direkten Kontakt gehabt haben, ist eine Teilnahme durch die Quarantäne-Maßnahmen nicht möglich. Die derzeitige Terminierung würde de facto kaum Zeit zum Nachschreiben lassen, wenn Schüler*innen alle regulären Termine nicht wahrnehmen könnten, wegen einer Quarantäne. Sie wären vom Abitur ausgeschlossen.

Noch mehr Rückmeldungen erhalten wir von Eltern, deren Kinder zu einer Risiko-Schülergruppen gehören. Ihnen fehlen die Bedingungen, wie ihre Kinder gefahrlos am Unterricht oder an den Prüfungen teilnehmen können. Es gibt kranke, vorerkrankte und chronisch kranke Schüler*innen oder Schüler*innen, die durch eine Behinderung vorbelastet sind. Jedoch melden sich vermehrt Eltern, die in gesundheitsrelevanten Berufen arbeiten, wie Ärzt*innen, Laboranten und Pfleger*innen sind, Sie müssen ihre Familie stark abschirmen, damit eine persönliche Infektion miniert wird. Infektionen dieser Eltern durch symptomfreie Kinder haben direkte Auswirkungen auf das Gesundheits- oder Betreuungssystem. Im umgekehrten Fall wirkt die Infektion der Eltern über ihre Kinder auf die betroffenen Schulen und natürlich könnten diese Schüler*innen selber erkranken.

Nochmals möchten wir auch auf die wirklich großen unterschiedlichen Lernsituationen zu Hause hinweisen. Diese sind gekennzeichnet durch die Extreme von „voll ausgestatteten Büros“ und „nicht vorhandener Endgeräte“ wie PC, Laptop, Drucker und/oder „fehlenden Onlinezugängen“. Hinzu kommen beengte Wohnsituationen und/oder auch Konkurrenzen mit den im Homeoffice arbeitenden Eltern, sowie gleichzeitig lernenden oder zu betreuenden Geschwistern und nicht ausreichenden adäquaten Endgeräten. So verschärfen sich die Gegensätze unter den Schüler*innen, die häuslich, aber auch extern eingebunden sind, gute Lernmöglichkeiten oder keine haben.

Durch Bekanntgabe der unterschiedlichen Prüfungsabläufe, fehlende Durchführungsoptionen sind viele Eltern noch mehr verunsichert. Sie verstehen nicht, wieso man scheinbar dogmatisch an den Prüfungen für das Abitur festhalten will, andererseits die Abschlüsse zur Sekundarstufe I sowohl dezentral an die tatsächlich vermittelten Lerninhalte angepasst werden könnten und die Option der Beurteilung auf Basis der Leistungen des Schuljahres sein soll. Das Festhalten an der Wiedereröffnung und den Prüfungen und die zeitgleiche Einbringung der Gesetzesvorlage zur Bewältigung der COVID 19 Pandemie führt zu einer Verschärfung des Sicherheitsbedürfnis.

Seit Ankündigung der Gesetzesvorlage und Bekanntgabe der Prüfungsfristen, haben die besorgten Rückmeldungen und Anfragen wieder stark zugenommen. Die Angst vor einer Benachteiligung, weil sie oder ihre Kinder plötzlich erkranken, die ganzen Mühen umsonst waren, ihr Kind keinen Abschluss erhält oder nicht ausreichend geschützt wird, ihr Job gefährdet ist etc. treiben die Eltern um. Sie fragen z.B.:

  • Wie sieht die Schulöffnung nach oder zeitnah zu Ostern konkret aus?
  • Wie wird der schützende Abstand eingehalten?
  • Welche weiteren Schutzmaßnahmen gibt es?
  • Wie werden besonders gefährdete Schüler*innen oder Schüler*innen, die besonders gefährdete Eltern haben, geschützt? Wie werden Lehrer*innen, die gefährdet sind, geschützt?
  • Gibt es eine Maskenpflicht?
  • Welche Nachprüfungsmöglichkeit haben Schüler*innen die sich während der Prüfung in Quarantäne mit ihren Familien befinden?
  • Wie machen besonders gefährdete Schüler*innen ihre Prüfungen?
  • Worüber schreiben alle anderen Schüler*innen die noch ausstehenden (Vorabi-)Klausuren oder Klassenarbeiten wegen fehlender Stoffvermittlung? Sollte nicht die Anzahl zu schreibender Klassenarbeiten in diesem Schulhalbjahr herabgesetzt werden und alternative Bemessungsgrundlagen eingesetzt werden?
  • Wie soll die Lernsituation bei einem späteren Anfang des Schulbetriebs aussehen?
  • Wie werden Eltern entlastet, wenn nur Oberstufenschüler*innen zur Schule gehen, die derzeit oftmals zur häuslichen Betreuung ihrer Geschwister benötigt werden?
  • Wie wird den psychosozialen Folgen begegnet?
  • Was passiert, wenn die Schulen nicht wiedereröffnen können?

Viele Fragen und Emotionen, auf die wir keine Antwort geben können. Immer deutlicher wird, dass Eltern einen konkreten Stufenplan haben möchten und auch wissen wollen, was unter welchen Bedingungen und Entwicklungen geplant ist. Wie sieht die Exit-Strategie für Schulen in NRW aus?

Die Ungewissheit belastet aber nicht nur Eltern, sondern auch vielen Schüler*innen und Lehrer*innen. Niemand möchte, dass alle Bemühungen umsonst waren und jeder sehnt sich nach einem Ende. Da das Ende der Pandemie uns sicherlich noch lange beschäftigen wird, scheint der Wunsch nach einem Abschluss des Schuljahres immer wichtiger zu werden. Wir halten es deshalb für falsch dogmatisch an den Abiturprüfungen festzuhalten, sofern die Sicherheit nicht für alle Schüler*innen garantiert werden kann und eine Gleichbehandlung aller Schüler*innen möglich ist.

Wir möchten sie deshalb nochmals bitten, unter Berücksichtigung zuvor genannter Ausführungen das gesamte Verfahren noch einmal zu analysieren, Vor- und Nachteile der beiden Wege – Prüfung und Durchschnittsabschluss –  zusammenzustellen und im Anschluss ein möglichst allen gerecht werdendes und Ungleichheit vermeidendes Verfahren zu entwickeln, welches auch die besonders gefährdeten Personengruppen berücksichtigt. Hierbei wäre dringlich zu beachten, dass die Ungleichheit viele Familien in derzeit systemrelevanten Berufen treffen würde. Zunehmend melden sich Eltern aus diesen hochsensiblen und derzeit fragilen Bereichen, die verzweifelt, aber auch wütend sind.

Wir schätzen die politischen Bemühungen und wissen um die Schwierigkeiten der Planbarkeit, jedoch darf es zu keinen zusätzlichen Benachteiligungen oder Abwertungen durch diese schwierigen Bedingungen kommen. Wir bitten Sie deshalb dringlich, teilen sie zur Beruhigung der Situation den Eltern mit, wie Fahrplan A oder B bis zum Abschluss aussieht und Abschlüsse ihren Wert trotz aller Widrigkeiten behalten und niemand benachteiligen.

Mit freundlichen Grüßen

Anke Staar, Dr. Jan N. Klug, Andrea Lausberg-Reichardt, Dr. Ulrich Meier, Stefanie Krüger-Peter, Karla Foerste, Christian Beckmann, Astrid Bauer, Werner Volmer

(LEK-NRW Gesamtvorstand)