Projekt: Befragungen von Zeitzeug/innen zu ihrer Migrationsgeschichte – Fionn Mahadeva im Gespräch mit Thurai Mahadeva

Der Kernlehrplan Geschichte NRW sieht für die EF (Einführungsphase der Oberstufe / 10. Klasse) den inhaltlichen Schwerpunkt „Migration am Beispiel des Ruhrgebiets im 19. und 20. Jahrhundert“ vor. Da am Helmholtz-Gymnasium die meisten Kinder selbst einen Migrationshintergrund haben, bietet es sich an, dieses Thema auch anhand der eigenen Familiengeschichten zu behandeln. Daher erhielten die Schülerinnen und Schüler meines EF-Geschichtskurses im Frühjahr 2021 die Aufgabe, ein Familienmitglied, das aus einem anderen Land nach Deutschland eingewandert ist, zu seinen Migrationserfahrungen zu interviewen. Es sollten dabei unter anderem die Bedingungen im Herkunftsland und Gründe für die Auswanderung, Erfahrungen auf der Reise und die Lebens-, Arbeits- und Wohnverhältnisse nach der Ankunft in Deutschland erfragt werden. Abschließend sollten die Schüler/innen die Aussagen der Befragten mit ihrem Hintergrundwissen aus dem Unterricht verknüpfen und sie analysieren. Ich bekam von den meisten Kursteilnehmer/innen die Rückmeldung, dass das Projekt ihnen viel Spaß gemacht hat – nicht zuletzt, weil es ihnen Gelegenheit bot, Details über das Leben ihrer Familienangehörigen zu erfahren, die sie bisher nicht kannten – und so ihre eigene Geschichte besser zu verstehen.

Einige gelungene Ergebnisse sind hier dokumentiert.

David Graumann

Zusammenfassung des Interviews von Fionn Mahadeva mit seinem Vater

Situation im Herkunftsland:

Thurai Mahadeva lebte von 1967 bis Ende 1984 in Sri Lanka und hat seine Kindheit dort verbracht. Er lebte bei seiner großen Familie und hatte auch viele Freunde. Er ging in eine sehr gebildete Schule (College). Seine Familienverhältnisse waren ebenfalls ganz gut, jeder war für jeden da und keiner musste alleine sein bzw. keiner fühlte sich einsam. Die finanzielle Situation war ebenfalls ganz gut und Thurai Mahadeva hatte ein wohlhabendes Leben in Sri Lanka. Die Bedingungen für die Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten konnte jeder erlangen, es war kein Problem, dort in die Schule zu gehen bzw. zu arbeiten oder eine Ausbildung zu starten, allerdings nur bis Mitte 1983, denn ab diesem Zeitpunkt gab es einen Bürgerkrieg in Sri Lanka (1983-2009) zwischen den Tamilen und Singhalesen, der im Laufe der Jahre immer mehr wuchs und gewaltsamer wurde. Ebenfalls entwickelte sich bei Thurai Mahadeva (der ein Tamile ist) die Angst vor (Bomben-) Anschlägen, weshalb er sich auch unsicher auf dem Schulweg und auf dem Nachhauseweg fühlte. Der Krieg begann offiziell Mitte 1983, auch wenn es kleine, tödliche Ereignisse zuvor gab. Und ab diesem Zeitpunkt waren viele Bildungseinrichtungen zerstört worden, daher gab es dann später Schwierigkeiten mit den Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten, auch wenn es zu der Zeit von meinem Vater noch in „Ordnung“ war. Thurai Mahadeva behauptet, dass er vor 1983 keine großen Sorgen hatte, selbst wenn da kleine Ereignisse stattfanden, erst als der Krieg offiziell begann, hatte er viel Angst verspürt. Er ist zwar weiterhin noch zur Schule gegangen mit der Gefahr von Anschlägen, aber nach ca. eineinhalb Jahren hat Thurai Mahadeva (derzeit 17 Jahre alt) beschlossen, hauptsächlich wegen dem Krieg, der Angst, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft und dem Wunsch nach Frieden, Sicherheit und besserem Leben, Ende 1984 auszuwandern.

Reise/Ankunft: 

Wie schon erwähnt ist mein Vater Ende 1984 ausgewandert und kam Anfang 1985 nach Deutschland. Doch vor der Auswanderung gab es kleine Vorbereitungen. Ein Schlepper hat Thurai Mahadeva geholfen aus dem Land zu flüchten, denn das einzige, was mein Vater im Kopf hatte, war, vom Krieg fern zu bleiben und Sicherheit bzw. Freiheit zu erlangen. Die Vorbereitungen gingen schnell, denn immerhin befanden sie sich im Krieg. Er musste zwar bis zum Flughafen in der Hauptstadt (Colombo) lange fahren, aber als sie dann schließlich zum Flughafen kamen, begann die Reise. Die Reise, mit den gleichen Landsleuten, aber mit keinen richtigen Bekannten, war relativ lang und schwer für ihn, er war in vielen Ländern, hat dort auch für einige Wochen im Hotel gewohnt und kam anschließend ohne Absicht nach Deutschland. Aufgrund dessen, dass Deutschland mehr Möglichkeiten als andere Länder hatte (z.B. mehr Sicherheit, besseres Asylheim, etc.), hat Thurai Mahadeva beschlossen, in Deutschland zu bleiben. In Sri Lanka gab es keine Erledigungen, erst als er in Deutschland angekommen ist, musste er eine Gesundheitsprüfung machen, um zu schauen, ob er gesund ist. Nach der Gesundheitsprüfung hat er einen Asylantrag gestellt, der ca. 3 Jahre zur Bearbeitung (ob es akzeptiert wird oder nicht) gedauert hat. Im Frühjahr 1985, als mein Vater in Deutschland ankam, war er fasziniert, dass es hier Kälte gab, denn bisher war ihm keine Kälte persönlich bekannt. Sri Lanka liegt im Bereich der Erde, wo Kälte gar nicht vorhanden ist (in der Nähe des Äquators). In Sri Lanka gibt es auch keinen Schnee, weshalb er dies ebenfalls faszinierend fand, denn obwohl er bereits wusste, dass es Schnee gibt, war er zu diesem Zeitpunkt zum ersten Mal in einem Land, in welches es geschneit hatte. Schon als er in anderen Ländern war, hat er gemerkt, dass sich sein Leben nun verändert hat und sich verändern wird und nicht das gleiche wie damals sein wird. Es war ihm alles neu, sogar in Deutschland gab es viele Unterschiede, wenn man bedenkt, dass mein Vater in Sri Lanka aufgewachsen ist. Auch wenn alles für ihm neu war, hat er in Deutschland eine bessere Zukunft und Lebensweise gesehen, obwohl er am Anfang nicht die Absicht hatte, sein Leben hier neu aufzubauen und zu gestalten. Man muss allerdings auch erwähnen, dass er ziemlich starkes Heimweh hatte und seine Familie vermisste, aber es war eine zu große Gefahr zurückzukehren, da der Krieg zu diesem Zeitpunkt nicht beendet war.

Situation in Deutschland:

Thurai Mahadeva beschreibt die Situation im Asylheim als langweilig, denn bevor der Asylantrag nach ca. 3 Jahren akzeptiert wurde, wurden ihm bestimmte Sachen eingeschränkt, d.h. er durfte nicht arbeiten oder in eine andere Stadt gehen. Er bekam das Geld vom Staat und durfte nur im Umkreis der eigenen Stadt Essen kaufen gehen, er durfte also insgesamt nicht viele Sachen machen. Nach der Akzeptanz des Asylantrags hat er sich bemüht, eine Arbeit zu finden und dies mit Erfolg, denn die ersten Arbeiten, in welchen er Erfahrung gesammelt hatte, waren Lagerarbeit und Staplerfahrer. Bei seiner Arbeit hatte mein Vater sehr gute Arbeitskollegen, mit denen er sich gut verstanden hat, aber es gab auch Arbeitskollegen, die kein gutes Verhältnis zu ihm hatten. Einige waren sehr rassistisch gegenüber ihm, dennoch hat er das nicht so sehr an sich gelassen und ist damit gut umgegangen. Sein Verdienst war dann so gut, dass er mit seinem eigenen Geld eine eigene Wohnung gemietet hat. Daraufhin gab es auch Nachbarn, doch mit denen gab es keine Schwierigkeiten, mein Vater behauptet nämlich, dass er mit seinen bisherigen Nachbarn sehr gut, ohne Probleme, klargekommen ist. Die Kontakte mit Deutschen waren nicht so schwierig, er hat schnell und viele deutsche Freunde kennengelernt. Mein Vater ist alleine nach Deutschland gekommen, daher kamen keine Familienmitglieder mit, denn die Familienmitglieder sind in andere Länder ausgewandert und keiner von den Mit- oder Nachkommen ist nach Deutschland gekommen, es war zu der Zeit nicht möglich, jeder von den Familienmitgliedern ging nämlich seinen eigenen Weg. Aber dafür hat er seine eigene Familie gegründet. Er hat, seitdem er von Sri Lanka ausgewandert ist, Heimweh und fühlte sich auch seit seiner Ankunft in Deutschland ein bisschen fremd, sogar auch in der Arbeit, dennoch hat er beschlossen, hier zu leben und musste sich ebenfalls hier anpassen. Er selbst sagt, dass es keine anderen Möglichkeiten gab, als seine Zukunft und Leben in diesen „neuen“ Land aufzubauen und zu verbessern. Außerdem war die Kultur hier in Deutschland anders als in Sri Lanka. Er hat die deutsche Kultur verfolgt, aber die tamilische Kultur durchzusetzen gelang zunächst nicht, erst nach und nach hat sich die tamilische Kultur in Deutschland entwickelt. Mein Vater hatte also anfangs keine Möglichkeit, die tamilische Kultur zu verfolgen, aber im Nachhinein gelang es ihm doch, als dann auch Tempel gebaut wurden.

Die Auswertung des Interviews

Phase der Migration/Typische Merkmale dieser Phase:

Thurai Mahadeva ist 1985 nach Deutschland gekommen, in diesem Zeitpunkt gab es die sogenannte „Abwehrphase“. Es stimmt, dass sich die Politik kaum um die Integration der Auswanderer gekümmert haben, denn aus der Sicht von meinem Vater kann man erkennen, dass die tamilische Kultur zu diesen Zeitpunkt nicht viel in Deutschland vorhanden war, es gab nämlich keine Tempel und zunächst kaum tamilische Menschen, die die Kultur auch in Deutschland aufbauen wollten. Deutschland wurde praktisch auch zum Zuwanderungsland, denn mein Vater berichtet, dass im Asylheim nicht nur Tamilen waren, sondern auch Menschen aus anderen Herkunftsländern, z.B. hat mein Vater einen Menschen aus Afrika im Asylheim kennengelernt. Thurai Mahadeva gehörte zu einer der Haupteinwanderergruppen, er war nämlich ein Flüchtling und ein Asylbewerber aus dem Kriegsregion Sri Lanka. Zusätzlich weil in Deutschland der dauerhafte Aufenthalt verstärkt wurde, hat dies die Entscheidung meines Vaters, dass er sein Leben hier verbringen wird, erleichtert.

Vergleich der besprochenen Migrationserfahrungen:

Aus deutscher Sicht ist die Zuwanderung gut gewesen, vor allem damit der wirtschaftliche Bereich verbessert wird und dies traf auch auf meinem Vater zu, denn er machte gute Arbeit. Ebenfalls aus der Sicht der Migranten, also meinem Vater, ist die Zuwanderung gut gewesen, denn mit dem Geld, welches er verdiente, hat er nicht nur sich selbst versorgt, sondern hat es auch an seine Heimatland Sri Lanka geschickt, um seine Familie zu unterstützen bzw., um wirtschaftliche Probleme zu lösen. Für meinem Vater war es aber nicht allzu wichtig das deutsche Know-how zu lernen und es weiter zu verbreiten, denn er ist hauptsächlich nur wegen dem Krieg ausgewandert. Mit den Zeitzeugenbericht von Ali Basar vergleichend, kann man feststellen, dass die Leute in Türkei vor der Auswanderung eine Gesundheitsprüfung machen mussten, während es in Sri Lanka nicht der Fall war, man konnte ohne Probleme auswandern, aber in der Türkei nicht, denn wenn man nicht vollkommen gesund war, durfte man nicht nach Deutschland kommen. Ali Basar benötigte eine Einreiseerlaubnis für ein anderes Land, jedoch hat mein Vater dies nicht benötigt. Weiterhin ist bemerkenswert, dass Ali Basar mit paar Freunden ausgewandert ist, aber mein Vater ist jedoch allein nach Deutschland gekommen und hatte keine richtige Unterstützung wie Ali Basar. Was aber Ali Basar und Thurai Mahadeva verbindet ist die Einsamkeit, beide fühlten sich nämlich einsam. Des weiteren hatte Ali Basar in der Arbeit einen guten deutschen Freund kennengelernt, mit den er sich sogar außerhalb der Arbeit getroffen und Zeit verbracht hat, genauso wie mein Vater, der sich auch mit vielen Deutschen angefreundet hat. Außerdem haben beide anfangs nicht gedacht, in Deutschland zu bleiben, aber aufgrund des Geldes in der Türkei sowie aufgrund des Krieges in Sri Lanka, haben beide beschlossen, in Deutschland zu bleiben. Natürlich wie bei Ali Basar (oder anderen Auswanderern), gab es auch bei meinem Vater rassistische Erlebnisse, doch beide fanden eine Lösung dagegen. Im Übrigen konnten beide ihre Kultur nicht verfolgen, Ali Basar behauptet, dass er es nicht wollte, weil er für seine Familie da sein wollte und bei Thurai Mahadeva gab es keine Möglichkeit, sie zu verfolgen. Beachtenswert ist aber auch, dass sich beide wegen des deutschen Passes gefreut haben. Man kann also erkennen, dass es Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen meinem Vater und Ali Basar gibt, dennoch lässt sich sagen, dass es mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede gibt, denn man kann alle Auswanderer leicht miteinander verknüpfen.

Formen der Akkulturation:

Thurai Mahadeva konnte seine Kultur nicht verfolgen, weil ihm die Möglichkeit dazu fehlte, daher hat er eher die deutsche Kultur verfolgt. Diese Form der Akkulturation nennt sich Assimilation, denn er verfolgte die Kultur, die in diesem Moment dominanter war als die eigene, vor allem weil es keine Möglichkeiten dazu gab. Die tamilische Kultur ist nachher aber auf der gleichen Ebene wie die deutsche Kultur gekommen, somit spricht man von Integration, denn sowohl die tamilische Kultur als auch die deutsche Kultur wurde von meinem Vater später verfolgt. Man kann also sagen, dass sich im Laufe der Jahre die Entwicklung der Formen der Akkulturationen bei meinem Vater änderte und ab einen Zeitpunkt gab es dann nur eine Form und ist bis heute immer noch so geblieben, nämlich die Integration. Anfangs hat mein Vater nur die deutsche Kultur verfolgt, aber anschließend, als es möglich wurde, hat er die tamilische und die deutsche Kultur verfolgt.