Projekt: Befragungen von Zeitzeug/innen zu ihrer Migrationsgeschichte – Sheima Sadeq im Gespräch mit Iskan Sadeq

Der Kernlehrplan Geschichte NRW sieht für die EF (Einführungsphase der Oberstufe / 10. Klasse) den inhaltlichen Schwerpunkt „Migration am Beispiel des Ruhrgebiets im 19. und 20. Jahrhundert“ vor. Da am Helmholtz-Gymnasium die meisten Kinder selbst einen Migrationshintergrund haben, bietet es sich an, dieses Thema auch anhand der eigenen Familiengeschichten zu behandeln. Daher erhielten die Schülerinnen und Schüler meines EF-Geschichtskurses im Frühjahr 2021 die Aufgabe, ein Familienmitglied, das aus einem anderen Land nach Deutschland eingewandert ist, zu seinen Migrationserfahrungen zu interviewen. Es sollten dabei unter anderem die Bedingungen im Herkunftsland und Gründe für die Auswanderung, Erfahrungen auf der Reise und die Lebens-, Arbeits- und Wohnverhältnisse nach der Ankunft in Deutschland erfragt werden. Abschließend sollten die Schüler/innen die Aussagen der Befragten mit ihrem Hintergrundwissen aus dem Unterricht verknüpfen und sie analysieren. Ich bekam von den meisten Kursteilnehmer/innen die Rückmeldung, dass das Projekt ihnen viel Spaß gemacht hat – nicht zuletzt, weil es ihnen Gelegenheit bot, Details über das Leben ihrer Familienangehörigen zu erfahren, die sie bisher nicht kannten – und so ihre eigene Geschichte besser zu verstehen.

Einige gelungene Ergebnisse sind hier dokumentiert.

David Graumann

Das Interview

  • Name: Iskan Sadeq
  • Geburtsjahr: 1978
  • Geburtsort: Syrien

Situation im Herkunftsland:

  • Wie bist du aufgewachsen?

„In einem kleinen kurdischen Dorf im Nordosten Syriens bin ich geboren und aufgewachsen. Mein Vater starb leider als meine fünf jüngeren Geschwister und ich sehr klein waren, weshalb meine Mutter uns alleine erzogen hat. Wir hatten aber gute Verhältnisse zu meinen Onkeln und der Rest der Familie. Außerdem, im Dorf kannte sich jeder. Die Schule besuchte ich bis zur neunten Klasse und danach fing ich an als Maurer zu arbeiten. Später habe ich geheiratet und bin nach Damaskus umgezogen.“ 

  • Wie war die Lebenssituation vor der Auswanderung?

„Die Auswanderung nach Deutschland war nicht die Erste. Nämlich, als der Bürgerkrieg 2011/2012 anfing, bin ich in den Irak geflüchtet. Später kam meine Familie auch. Das Leben war eigentlich okay, wir wohnten in Frieden. Finanziell war es zwar nur ausreichend, aber wir mussten ungefähr jedes Jahr das Haus wechseln, da der Hausgeber immer das Haus verkaufen wollte oder die Miete zu hoch war. Viele meine Verwandte zogen dann auch in den Irak. Ich habe als Maurer gearbeitet und meine Kinder waren in der Schule. Alles lief in Ordnung.“   

  • Welche Gründe gab es für die Auswanderung?

„Es gab nicht viele Arbeits- und Bildungs- Möglichkeiten oder einen anerkannten Abschluss. Das Leben wurde immer unsicherer, als ISIS 2014 die Kontrolle über den Nord-Irak und die Mehrheit Syriens gewonnen hat. Wir wohnten nur ein paar Kilometer weg von den Gefahrzonen. Ich habe sogar tatsächlich auch gegen sie gekämpft. Der Grund für die Auswanderung war natürlich das Ziel: eine bessere Zukunft für meine Frau und die Kinder zu sichern. Ihr Bruder, der damals schon in Deutschland wohnte, hat es mir auch geraten. Es ging teilweise auch ums Überleben.“ 

Reise/ Ankunft:

  • Wann bist du ausgewandert? Mit wem bist du gereist?

„Dezember 2015 bin ich mit meiner Frau, meinen fünf Kindern und noch vier anderen Verwandten ausgewandert.“

  • Was gab es vorher zu erledigen?

„Wir mussten uns vom Staat abmelden und die Ausweise abgeben. Schließlich meine Kinder von der Schule abmelden. Mein Auto und alles andere in meinem Haushalt habe ich verkauft, um überhaupt die Kosten dieser Reise aufbringen zu können. Nur etwas Kleidung haben wir mitgenommen. Natürlich mussten wir auch Abschied nehmen. Meine Freunde und Bekannte besuchten mich zum letzten Mal. Ich kann mich noch daran erinnern, als alle in meinem Garten geweint haben.“  

  • Wie war die Reise?

„Die Reise war gefährlich und erschreckend. Wir haben schnell den Fluchtmodus angeschaltet. Vom Irak in die Türkei sind wir Berge runter gelaufen, alles heimlich natürlich. Wehe die türkische Polizei hätte uns gesehen. Mit einem Bus sind wir nach Istanbul gefahren und haben dort ungefähr eine Woche in Hotels verbracht. Ich traute mich nicht, meine Frau und die Kinder aus dem Hotel raus zu bringen, damit keiner bemerkte, dass wir fliehen. Nur einmal habe ich alle zum Strand gebracht, um wenigstens etwas von der Schönheit Istanbuls zu sehen.

Das erste Mal hat das Fliehen nicht geklappt. Wir wurden betrogen. Die Yacht, die uns und andere vierzig bis fünfzig Menschen von Izmir auf eine griechische Insel bringen sollte, war zu klein. Die wurde schon wackelig, bevor auch nur die Hälfte der Leute eingestiegen waren. Ich wollte das Risiko nicht eingehen und habe meine Familie nicht drauf gelassen, trotz der Zwangsversuche der Fahrer und Schmuggler. In dieser Nacht ist keiner mitgefahren. Ich habe immer noch das Gefühl, sie hätten es auf der anderen Seite nicht geschafft. Die Nacht haben wir im Wald verbracht. Es war extrem kalt trotz der dicken Rettungswesten und alle waren in schlimmste Lage.

Ich fuhr wieder nach Istanbul. Nur zwei Tage später, haben wir es nochmal versucht. Diesmal mit einem Schlauchboot und über einen anderen Weg aus Antalya. Innerhalb von fünfzehn Minuten haben wir es auf die Insel geschafft. Dort haben wir einen Migrationseinwilligung bekommen. Mit dem Flugzeug sind wir zu der Insel Rudos und dann zu der mazedonischen Grenze geflogen. Ab da fing unsere Reise mit Zügen an, durch Südeuropa bis wir in Deutschland waren. Die Reise dauerte insgesamt ca. Zwanzig Tage. Wir gehören zu denen, die Glück hatten.“      

  • Wie hast du die Ankunft in Deutschland erlebt?

„Sobald ich die deutsche Flagge in München sah, war ich beruhigt und konnte endlich ein bisschen atmen. Ich habe gewusst wir haben es geschafft. Dort haben wir als Migranten offiziell gestempelt und wurden nach Gera geschickt. Zwei meiner Verwandten habe ich aber seit unserem Aufenthalt in Österreich nicht mehr gesehen.“ 

  • Wie hast du dich dabei gefühlt?

„Am Anfang fühlte sich alles fremd an für mich. Die Menschen haben wir nicht verstanden, weil wir noch kein Deutsch konnten. Auch wenn sie uns vielleicht beschimpften, hatten wir keine Ahnung, wovon sie sprachen. Ich nickte nur oder sagte ja. Wenn wir mal Glück hatten, konnten einige Deutsche Englisch sprechen, womit wir uns verständigten. Also meine Kinder zumindest. Mit der Zeit hat es sich friedlicher angefühlt.“  

Situation in Deutschland:

  • Wie hast du gewohnt?

„Nachdem wir in Gera allen möglichen Gesundheitstests gemacht haben, wurden wir nach Mühlhausen in ein Wohnheim transportiert. Wir wohnten dort für ungefähr einen Monat. In der Zeit habe ich andere Migranten kennengelernt und versucht, mich mit den Mitarbeitern zu unterhalten. Meine Kinder waren sogar schon in Deutschkursen. Als der nächste Termin für den Wohnwechsel kam, hatten wir Glück. Die Anderen wurden in ein Wohnheim in einem kleinen Dorf in der Nähe geschickt, wo nichts in der Nähe dieser Gebäude war. Alle außer meiner Familie und ich. Da wir die letzten waren und es keinen Platz mehr dort gab. Stattdessen haben wir eine kleine Wohnung bekommen. Wir blieben für fünf Jahre in Mühlhausen.“

  • Wie waren deine Arbeitsverhältnisse?

„Der Vermieter von der Wohnung war sehr korrekt und hat mir eine Arbeitsstelle gegeben. Ich habe als Maurer und Hausmeister gearbeitet und öfters mehr und schneller als die anderen geleistet. Ich habe manchmal auf Fasten und Beten verzichtet für die Arbeit. Später bemerkte ich, wie wenig ich eigentlich verdiente, im Gegensatz zu meinen deutschen Kollegen. Ich habe aufgehört zu arbeiten dort, als durch einen Unfall meine Hand brach. Ich hatte nette Kollegen/Innen aber auch rücksichtlose. Ich begegnete Rassismus öfters. Manchmal auch einfach auf der Straße oder im Supermarkt riefen uns Menschen hinterher oder beleidigten sie uns auf Deutsch.“

  • Wie gestalteten sich deine Kontakte mit Deutschen?

„Ich habe zum Teil freundliche aber auch schlimme Nachbarn gehabt. Einige riefen manchmal z.B. die Polizei an, wenn die Kinder mal zu laut waren. Aber ich hatte auch deutsche Freunde, die gerne zu mir nach Hause kamen und mal einen Tee getrunken haben, Mittag gegessen oder meinen Kindern bei schulischen Sachen geholfen haben. Sie halfen auch gerne, was Jobcenter-Anträge betraf.“

  • Familie

„Mittlerweile sprechen meine Frau und Kinder sehr gut Deutsch, ich kann mich auch gut verständigen. Seit drei Monaten wohnen wir in Dortmund. Ich suche noch einen neuen Job, aber wegen der aktuellen Situation habe ich keinen Erfolg. Mein jüngerer Bruder ist auch mit seiner Familie ausgewandert, aber nicht nach Deutschland, sondern Belgien. Ich habe zwei Cousins, die mit ihren Familien in Leipzig wohnen. Die anderen in Syrien möchten auch kommen, können aber nicht. Und die älteren möchten ihre Heimat nicht verlassen.“

  • Emotionen

„Klar vermisse ich der Rest der Familie. Ich habe auch öfters Heimweh, aber gut ist, dass jetzt meine Familie teilweise friedlich lebt in Deutschland. Komplett zugehörig fühle ich mich noch nicht.“

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Die Auswertung des Interviews

  • In welche Phase der Migration in die Bundesrepublik lässt sich die Migration einordnen?

Die Migration lässt sich in die Akzeptanzphase (seit 1998) einordnen mit Bezug auf die Flüchtlingswelle (seit 2014). Die Migration ist noch ziemlich neu bzw. ist aktuell und eine Integration erfolgt noch.

  • Welche typischen Merkmale dieser Phase werden deutlich?

Die ab 2015 vermehrte Einreise von Flüchtlingen (z.B. aus Syrien, Irak, Afghanistan) sowie die verstärkte und erleichterte Einbürgerung und gesellschaftliche Integration sind Merkmale, die deutlich werden.

  • Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es zu den im Unterricht besprochenen Migrationserfahrungen?

Gemeinsamkeiten mit dem aus dem Unterricht bekannten Migranten Ali Basar:

Beide Migranten sind kurdisch. Sie leben und arbeiten in Deutschland, dadurch integrieren sich beide. Die Ablehnung von Fasten und Beten, um arbeiten zu können ist auch ein gemeinsamer Punkt. Sie haben Kontakt mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft, unter anderem auch deutsche Freunde aber auch Erfahrung mit Rassismus. 

Unterschiede:

Die Migrationszeit von Ali Basar war in den 1960er, Herr Sadeq aber ab 2016. Der Migrationshintergrund unterscheidet sich. Ali Basar war Gastarbeiter, während Herr Sadeq vor Krieg geflohen ist. Die Multikulturalität in der Familie ist zu finden bei Ali Basar, bei Herrn Sadeq noch nicht.

  • Welche Formen der Akkulturation lassen sich erkennen?

Die rassistische Behandlung durch Kollegen, wenig Gehaltund der Transport von Migranten in ein Wohnheim, das auch nur von Migranten bewohnt war, sowie das Leben in einem Gebäude, wo Bushaltestellen und Supermärkte sich weit weg davon befanden, sind Beispiele für die Segregation.

Das Lernen der Deutschen Sprache, Arbeit, Kontakt zu Deutschen und deutsche Freunde sind Beispiele für Integration.