Rückblick auf den Schülertalk vom 17. Januar – „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“

von Hande Atici

Am 17. Januar 2020 war die 30-jährige Journalistin Alice Hasters im Schülertalk des Helmholtz-Gymnasiums zu Gast, moderiert von Eylem Turan und Muhammed-Emin Gezer. Die Veranstaltung wurde von einem Kamerateam  des Westdeutschen Rundfunks (WDR) aufgezeichnet.

Einführung: Hasters schrieb ein Buch mit dem Titel „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“, in dem sie über die Beziehung zu ihren Eltern, Alltagserfahrungen und einen Brief an ihren Freund berichtet. Alice Hasters wurde 1989 in Köln geboren, ist dort aufgewachsen und hat Journalismus studiert. Ihre Mutter kommt ursprünglich aus den USA und ihr Vater aus Deutschland, sie lebt zurzeit in Berlin und arbeitet als Journalistin, u.a. für die Tagesschau. Ihr Buch wurde im September 2019 veröffentlicht und ist überall erhältlich.

Biographisches: Anfangs erzählte Hasters über ihre Persönlichkeit und ihr schweres Berufsleben, in dem sie mit rassistischen Anfeindungen zu kämpfen hatte. Des Weiteren erfuhren wir, dass sie aufgrund ihrer Hautfarbe ihren Traumberuf  Schauspielerin nicht ergreifen konnte, obwohl ihre Eltern in diesem Bereich arbeiteten. Täglich bekam sie Fragen wie z.B.: „Darf ich mal deine Haare anfassen?“, „Kannst du Sonnenbrand bekommen?“ oder „Wo kommst du her?“ gestellt. Abgesehen von der ersten Frage scheinen sie normalerweise zunächst sehr harmlos zu sein, jedoch nimmt Hasters diese Äußerungen als rassistisch wahr und erwähnt in einem Interview, dass Rassismus überall sei, egal ob in der Familie oder in der Liebe. Diese Wahrnehmungsweise nahm sie als Abwehrreflex an, welcher zum Selbstschutz dienen und nicht missachtet werden soll. Bezüglich der Familie betonte sie, dass ihr Vater weißer Hautfarbe ist und sie auch Stereotypen ihres Vaters zu erleiden hatte.

Hasters ging auch auf die Frage ein, warum es vielen Weißen so schwer fällt, zuzugeben, dass  einige ihrer Äußerungen oder Handlungen rassistisch sind. Dies hänge damit zusammen, dass Rassismus unmittelbar mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht werde – und keiner will gern ein Nazi sein. Jedoch ist für Hasters jemand, der einmal etwas Rassistisches gesagt hat, noch lange kein Nazi. Er könne in vieler Hinsicht ein sympathischer Mensch sein – nur diese eine Äußerung sei eben falsch.

Alltagserfahrungen: Eine Freundin von Hasters habe ihr einmal davon berichtet, dass in der Kita, wo sie eine Zeit lang vertretend gearbeitet hat, das Spiel „Wer hat Angst vorm schwarzem Mann“ gespielt wurde. Die – vielleicht unbeabsichtige – Wirkung dieses Spiels sei, dass den Kindern vermittelt werde, dass die Schwarzen böse seien und  man von ihnen Abstand halten sollte.  Hasters betonte, dass die neue Generation schon im frühem Alter aus zahlreichen Büchern oder Spielchen ein gewisses Bild im Kopf über weiße und schwarze Menschen entwickelt und die rassistische Spaltung  der Menschheit allein dadurch immer weiter verbreitet wird, welches für sie frustrierend ist.

Ein weiteres Alltagsbeispiel aus ihrem Berufsleben war die Zeit, als sie als Kellnerin in einem Café gearbeitet hatte und erniedrigt wurde. Eine dazu passende Aussage von Hasters aus einem Interview war „In vielen Situationen musste ich meine Wut und meinen Hass auf weiße Menschen unterdrücken.“ In diesem Fall musste sie den Arbeitsregeln folgen und stets freundlich und nett zu ihren Kunden sein, obwohl diese sich über ihre vermeintliche Herkunft und ihren Namen lustig gemacht haben. Im weiteren Verlauf erwähnt sie, es heute bereut zu haben, sie so reden zu lassen, anstatt sie rauszuwerfen und sich somit nicht erniedrigen zu lassen.

Das wohl bekannteste Vorurteil gegenüber den Schwarzen ist ihr angeblicher Hang zur Kriminalität. Hierzu passt die Erfahrung einer Schülerin aus dem Publikum: Die Schülerin war wohl auf dem Weg nach Hause von der Schule und bemerkte einen schwarzen Mann mit schnellen Schritten auf sie zukommen. Aus Reflex und Vorurteil schrie das Mädchen und begann, langsame Schritte nach hinten zu machen, um zu entfliehen, als wolle er ihr etwas antun. Der Mann jedoch wusste nicht, weshalb sie so reagiert hat und sagte mit einer ruhigen Stimme: „Beruhig’ dich mal, du hast nur einen Zettel fallen lassen.“. Die Schülerin empfand für kurze Zeit Reue, setze ihren Weg aus Angstgefühl aber trotzdem fort.

Historisches: Hasters sagte, dass es in der früheren Zeit in den USA so war, dass der Aufenthalt in bestimmten öffentlichen Parks o.ä. für dunkelhäutige Personen strengstens verboten war und bei Verstoß mit dem Tode gedroht wurde. „Diese Entwicklung und Verbreitung des Rassismus hat viel mit dem historischem Kontext zu tun“, sagte Hasters und stellt dar, dass  die heutige Wirkungsweise rassistischer Vorurteile nicht von der Geschichte  des Rassismus zu trennen sei. Außerdem definierte sie den Rassismus als Zusammensetzung aus Vorurteilen und Macht. Diese Definition kann man anhand eines Beispiels näher veranschaulichen: die Trennung nach der Hautfarbe gab es schon damals, als die Amerikaner die Afrikaner nach Amerika verschleppten, um sie für sich arbeiten zu lassen. So wurden die Afrikaner versklavt, welches zu einer Marginalisierung (ethnische/kulturelle Entwurzelung von der eigenen Kultur und zugleich Verweigerung der Integration in die herrschende Kultur der Weißen) führte. Der Rassismus der Weißen bestand hier also darin, dass sich nicht nur Vorurteile gegenüber den Schwarzen hatten (sie hielten sie für minderwertig), sondern auch die Macht hatten, die mit diesen Vorurteilen belegten Menschen zu unterdrücken.

Trotz all der beschriebenen Schwierigkeiten hat Hasters es geschafft, ihr Studium zur Journalistin erfolgreich abzuschließen und ein Buch zu veröffentlichen mit dem Ziel, dass die Menschheit bezüglich des Verhaltens gegenüber schwarzen Menschen vorsichtiger und reflektierter sein solle und sie erhofft sich eine Besserung der Situation.

Lehre: Die Botschaft, die uns durch die Veranstaltung vermittelt wurde, ist, dass wir die Menschen nicht nach Herkunft, Aussehen, Hautfarbe etc. beurteilen sollen, denn alle Menschen sind letztlich gleich (Gleichberechtigung) und jeder Mensch trägt eine individuelle Besonderheit, die  andere nicht besitzen. Keiner kann einer dunkelhäutigen Person pauschal zusprechen, kriminell o.ä. zu sein, denn aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es durchaus dunkelhäutige Menschen mit goldenem Herz gibt. Mensch ist Mensch und wenn einer eine andere Hautfarbe hat, sagt dies nichts über die Person selbst aus. Meine Eltern haben mir beispielsweise immer gesagt, dass ich keine Freundschaften mit Schwarzen knüpfen darf. Mittlerweile habe ich aber eigene Erfahrungen gemacht und  stellte fest, dass sie auch ganz normale Menschen sind und es wirklich tolle unter ihnen gibt, die uns nicht schaden, sondern im Gegenteil mehr Freude bereiten.